Der Tag ist erwacht. Am Sonntagvormittag bei Bäckerei Schnitte, mit Kippe und Cremekaffee sitze ich draußen am Caféhaustisch. Die Markise über mir quittiert dem Dauerregen wehrhafte Prasselgeräusche. Hier sitzen, mal an der Kaffeetasse nippen, entfernten Grußnachbarn zunicken, mehr passiert hier an üblichen Tagen nicht.

Jetzt ist es dreiviertel Zehn und die Kirchglocken läuten aus wenigen hundert Meter Entfernung. Ihrem wunderschönen Klang werde ich auch an diesem Sonntag nicht folgen. Der Herr ruft! Ich höre Ihn!

Nur ein Kind mit jungem Vater sind gegenüber auf dem abgezäunten Spielplatz, mit einem quadratischen Sandkasten und drei großen stählernen Geräten darin. Die halbe Kleinfamilie ist mit Schaufeln im regennassen Sand beschäftigt. Ich weiß nicht, an wieviel anderen Tagen der Kleine hier im Kasten schaufelt, im immer gleichen Kasten mit den immer gleichen Stahlgeräten. Der Gedanke daran macht mich trübselig. Was tut man den Kindern an? Sind es nicht standardisierte Beschäftigungen in einer Stadt? Lenkungen der Augenmerke auf Rechteckigkeiten mit immer gleichen Förmchen, Stufen, hin zu erhöhten Aussichten auf platten Formen um auch mal oben zu sein?
Ohne Zweifel bietet die Industrienorm für juvenile Gipfelstürmer auch Vorteile. Bei Rutschpartien auf heute unüblich gebohnertem Linoleum, Balancieren auf Jägerzäunen oder Klettern in hohen Birnenbäumen werden sich heute die wenigsten ihre Arme brechen, so wie es mir geschah. Über frisierte Elektroroller und Fahrräder denke ich jetzt nicht nach.

Wie hat Jesus als Kleinster gespielt? Hat er überhaupt gespielt? Er erscheint mir so überaus groß, als ob ich der Kleinste bin und er der große unerreichbare und immer schon erwachsene Bruder. Das Vorbild in jeder Familie für Heranwachsende und das egal wie weit sie schon herangewachsen sind. Heran an ein Ziel, das immer mehr als eine Armlänge und Jahr vorauseilt.

Der Rest Kaffee in der Tasse ist mittlerweile kalt. Ein eiliger und ausgemergelter Dauerläufer mit Rucksack huscht vorbei in die Bäckerei. Körperliche Anstrengung bedarf körperlicher Sorge um die materielle Energiezufuhr, damit die nächste Anstrengung nicht wegen Brotlosigkeit verendet.
Der eigene Körper als geographischer Mittelpunkt der Erde. Ob er durch die Ville rennt oder in Hawai, er ist sich am nächsten. Was interessiert irgend jemanden da noch irgendein geographischer Mittelpunkt von einem runden Erdball, in dem jeder und jedes einen irdischen Mittelpunkt auf einer Kugel darstellt? Es geschieht immer wieder von Neuem, hier die aktuelle lukrative Beute (1):
Mit dem offiziellen Abschied Großbritanniens aus der Europäischen Union hat sich der geografische Mittelpunkt der EU verschoben und liegt nun in einem kleinen Dorf in Unterfranken. Die örtliche Gemeinde will die Attraktion touristisch ausbeuten.

Nun sind hier Warteschlangen vor dem Bäcker und der nebenan liegenden Gaststätte. Mann und Weib warten geduldig auf Konsum, auf die kulinarische Selbstbefriedigung. Ist es nicht die körperliche Wahrnahme einer täglich wiederkehrenden und der verpflichteten Aufgabe, die sich wenigstens beherrschen läßt. Eine schöne, wohlgefällige und schmackhafte Not im Schein der eigenen Kontrollfähigkeit. Wenigstens weiß man das: Der nutritive Mittelpunkt der Erde ist überall dort, wo man selbst ißt.

Noch nie habe ich in meinem kurzen christlichen Glaubensleben eine Warteschlange vor dem Portal irgendeiner Kirche gesehen. Weder bei Sonnenschein, noch bei Regenwetter, an Gefrierpunkten, noch an vernehmlich wetterlosen Tagen sah ich dürstende Menschen nach dem heilenden Geist, der wundervollsten Kost, die es jemals in dieser Welt gab und geben wird, sah ich vor dem Portal warten.
Wo ist das, was es bei keinem Konsum auf dieser Welt gibt, wo ist die geistige Not abgeblieben? Daß es sie gibt steht außer Zweifel. Jeder Mensch weiß um die fehlenden Taschen eines Totenhemdes, also auch um die Vergeblichkeit körperlicher und sachlicher Mühen für die Ewigkeit.
Als ob ein Schleier auf allem Geschehen liegt. Eine Ambivalenz zwischen dem, was ist und dem, was es zu sein scheint. Man tut den Schein und hält ihn für Sein. Man will Sein und begnügt sich mit Schein.

Nun sitze ich hier am Außentisch des Cafés wortwörtlich mit dem Rücken zur Wand. Vor mir die Welt, in mir die Welt und der Schimmer von dem, was in der Welt nicht sein darf.
Jesus – mein Licht. Alle, die hier und jetzt nicht bei Dir im Haus Vaterunsers sind, wollen Dein Licht nicht. So absurd es auch ist, die Augen verschließen nennt man das, endlich blind sein (2):

13Er aber antwortete und sprach: Jede Pflanze, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, wird ausgerottet werden.
14Laßt sie; sie sind blinde Leiter der Blinden. Wenn aber ein Blinder einen Blinden leitet, so werden beide in eine Grube fallen.
( Matthäus 15, 13 )

Ich stehe mit dem Rücken zur Wand auch in der Kirche, wie vor drei Abenden. Alle, die mich daran hindern Dir ein Kerzenlicht anzumachen, einen kleinen sich verzehrenden Leuchtturm anzünden um Dich sehen zu können, wollen Dein Licht nicht.
Jesus, Du Schmerzensmann am Kreuz, im Dunkeln der Kirche, ich will Dich erkennen. Auch in dem kleinen Licht, das in meinen Händen, in meinem möglichen Tun liegt. Doch so allmächtig Du bist, so ohnmächtig bin ich. Mir gibst Du den Schleier, die Irrungen, das Dazwischensein, die Gaben, Geschenke und Zufälle. Besonders interessant ist mir der Bezug in den Gegensätzen. Wo Licht ist, dort ist der Schatten nicht weit. Aus einem von mir dokumentierten Traum vor vielen Jahren aus der Heidenzeit. Damals notiert (3) und heute erst verstanden:

„Aufgeregt schrecke ich hoch und sehe links von mir gleißendes Licht, überhelle Lichtstrahlen durch den Türspalt und Türrahmen der Badezimmertür hervorstrahlen. In meiner Aufregung ist es nicht begreifbar, mein Herz rast bei dieser Ansicht und im Blick nach rechts, in Richtung des kleinen Flures, sehe ich schemenhaft eine bekannte Figur sich aus dem Dunkeln herausbeugend. Ich erkenne den Typen und meine noch anhaltende Aufregung irritiert mich bei dessen Anblick. Ich will sie bei dessen Anblick nicht in Verbindung wissen, weil er heuchlerisch, widerlich und verlogen ist.

Danke! Danke für diesen Traum Herr. Diese wundervolle, wenn auch in dem erlebten Moment höchst aufregende Begegnung, dem Mittendrinsein zwischen diesem außerordentlichen Licht und dem Gegenteil, das meine Aufmerksamkeit versucht.
Der Ort der äußerlichen Reinheit ist das Bad, dieses wundervolle Licht durchstrahlt zur innersten Reinheit. Das allein ist wahrlich ein himmlisches Geschehen und Du zeigst mir damit, daß ich meine Augen vor dem Abgründigen, vor der Existenz der Hölle nicht verschließen darf. Ja oder Nein. Ja, ich werde es nicht wegrelativieren. Auch wenn es noch so verlogen, heuchlerisch und amtlich daherkommt, meine Augen werde ich vor der tückischen Dunkelheit nicht verschließen.
Kaum zeigt sich das Gute, ist das Böse schon da. In einem Radiovortrag wurde beschrieben, daß Padre Pio in vielen Nächten in seiner Zelle gegen Dämonen gekämpft hat. Im ganzen Haus hat man das Poltern gehört. Padre Pio auf dem Weg in Heiligkeit, das Gute hat den Sieg errungen.

So geschehen während die Kirchenglocken erneut erklingen und die Nacht schläft.

May


Geschrieben am Tag Darstellung des Herrn (4)



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(1) Quelle: de.sputniknews.com - Acker bei Würzburg ist nach Brexit neuer EU-Mittelpunkt. Netzverweis bei:
https://www.jessesmaria.de/node/15275
(2) Bibel, Elberfelder 1905.
(3) (Schlaf-) Traum vom 20.12.2010.
(4) Dieser Tag im gregorianischen Kalenderjahr 2020, also 2020 Jahre nach der Geburt unseres Herrn, dazu aus der Quelle von Erzabtei Beuron:
„Das Fest am 40. Tag nach der Geburt des Herrn wurde in Jerusalem mindestens seit Anfang des 5. Jahrhunderts gefeiert; es wurde „mit gleicher Freude wie Ostern begangen“ (Bericht der Pilgerin Egeria). In Rom wurde es um 650 eingeführt. Der Festinhalt ist vom Evangelium her gegeben (Lk 2, 22–40). Im Osten wurde es als „Fest der Begegnung des Herrn“ verstanden: Der Messias kommt in seinen Tempel und begegnet dem Gottesvolk des Alten Bundes, vertreten durch Simeon und Hanna. Im Westen wurde es mehr ein Marienfest: „Reinigung Marias“ nach dem jüdischen Gesetz (Lev 12). Kerzenweihe und Lichterprozession kamen erst später hinzu. Seit der Liturgiereform von 1960 wurde „Mariä Lichtmess“ auch in der römischen Kirche wieder als Herrenfest gefeiert: Fest der „Darstellung des Herrn“.
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