Löst sich ein Apfel von seinem Ast, dann fällt er nach unten. Das ist ein unbestreitbares Naturgesetz. Weder war die Frucht hängend am Ast wirklich in der Schwebe, noch ist sie es am Boden liegend. Die Frucht kann auch nicht fliegen, sie kann höchstens fallen. Auch das ist ein unbestreitbares Naturgesetz. Der Mensch dagegen kann etwas wollen, was er nicht ist und dabei glauben, er sei etwas, was er nicht wollen könnte.

Jeder Mann und jedes Weib (1) durchlebt ganz bestimmte Momente, wovon wundersamer Weise wenige oder manche fest in Erinnerung verbleiben, ohne daß sie ihrer besonderen, symbolhaften Bedeutung bewußt werden. In der Biographie eines Heiligen fällt mir immer wieder diese „Trockene Burg“ - Roccasecca – auf.
In Kindheit und früher Jugendzeit verbrachte ich selbst einige Zeit bei meiner Patentante auf einer Burg, direkt am Rhein gelegen. Sie bewohnte dort mit ihrem Mann diese trockengelegte kleine Burg in Eigentum und ich durfte sie mir zu eigen machen. Burgturm, Burggraben mit Holzbrücke, eiserne Ritterrüstung, riesengroße Hofhunde, hölzerner Glockenturm und Mauerwerk aus Naturstein. Obschon nicht im geringsten erwachsen, für mich war das Leben in diesen alten Gemäuern standesgemäß und erstrebenswert.
In der ausblühenden Pubertät riß der Bezug zu ihr ab. Mein Roccasecca und die Patentante waren nur noch Erinnerung. Wenige Jahre nach ihrem Tod, bekam ich den letzten Kontakt (2):

Tante Erika in einem hellen Kleid steht vor mir. Links und rechts neben ihr noch jemand, die für mich jedoch nicht genauer erkennbar sind.
Ich reiche ihr meine Hand und sie gibt mir die ihre nicht. Einen Moment zögere ich und ziehe dann meine Hand verlegen und enttäuscht zurück.

In jungen Jahren verließ ein großer Heiliger sein Roccasecca und begab sich in die Burg Gottes. Unzählige Literaturquellen beschreiben seitdem sein Leben als universal gelehrten Wandlungsreisenden und Vermittler zwischen Himmel und Erde, Glauben und Vernunft.
Vor fünfhundert Jahren war Gottes großer Gelehrter (3) von Jugend an berufen. Er hörte und sah, was gehört und gesehen werden mußte.

In den Klauen der Welt und damit als über Jahrzehnte gereifter Heide kenne ich das so: „Wenns läuft, dann läufts“, mit allen Hochs: Schule, Studium, Beruf. Freundschaften, Liebschaften und großer Liebe zum Weibe. Ja, Tiefs gab es auch. Die für alles offene Welt bietet sich für alles Erdenkliche an, man muß nur irgendwie den Dreh dazu kriegen. Das fernab der heutigen Rückschau, in welcher jene Zeit auf kleine schmerzlose Belanglosigkeiten zusammenschrumpft.
Auffällig bleiben, bei allen Erlebnissen in allem Denken, Gefühlsbädern, in allen Ideologiewelten, es gibt merkwürdige Momente, die unverschütterlich sind, obwohl es galt, ihre Erinnerung daran zu enthaupten. Diese seltsamen, verstörenden, spontanen Widersprüche. Als Beispiele:

Meiner zweiten großen Liebe vertraute ich gegen Ende der Jugendzeit an, daß ich im Leben mal scheitern werde. Ich konnte es nicht begründen, nahm aber ihre abfällige und dann distanzierte Reaktion wahr. Es war ausgesprochen und ich konnte die wenigen Worte nicht mehr in meinen Mund zurückholen. Selbst daran war nicht gedacht, denn das Erstaunen über meine Aussage war größer. In Liebe zu einem jungen Weib ausdrücken, daß es für uns keine Zukunft geben wird. Was ist das für eine Liebe, die keine Zukunft kennt? Für die Psychologie ist klar, was da passierte. Doch erst nach einigen Jahrzehnten, in den kürzlich abgelaufenen Jahren ist mir bewußt geworden, wie sich der Grund unterhalb jeder weltlichen Psychologie gestaltet. Dasselbe mit der folgenden Paradoxie:

In einem der letzten Schuljahre. Vor mir auf dem Mäuerchen sitzen eine handvoll Klassenkameraden. Wie es zum Thema kam ist nicht mehr bekannt. Ich warf spontan ins Gespräch ein:
Wäre ich eine Frau, dann wäre ich lesbisch.“ Wie unsinnig sich diese kurze und unvergessene Aussage auch anhört, sie hat eine größere Bedeutung, als damals je zu erahnen war. Wer hat das ausgesprochen, war ich das? Jetzt und hier, ich bin immer noch erstaunt. Als Jüngling unter anderen die gegebene Natur zu verleugnen, so wie den natürlichen und sinnhaltigen Bezug zum Weibe auf den Kopf zu stellen, obwohl diese Bezugsrichtung eigentlich nicht richtiger sein kann.

Mitte zwanzig vertrat ich allen Interessierten und Uninteressierten gegenüber, daß ich mir die Literatur und Gedanken der großen Philosophen nicht durchlesen werde:
Ich gehe davon aus, daß in jedem Menschen das Wissen inhärent ist, das Andere in große Worte verfaßt haben.
Ist das der unbewußt formulierte Ausdruck von der Ahnung des bislang unentdeckten Größenwahns oder ein wahres Wort aus unberufenem Mund?

Weiblicher Besuch aus einer anderen Großstadt für‘s Wochenende (4). Wir kamen vom Chinesen und gingen langsam unter Alleebäumen nachhause. Unser Gespräch drehte sich um Identitäten und mitten im Satz blieb ich stehen:
Es gibt noch etwas Eigenes, das mir selbst nicht klar ist.
Spontane Worte aus einer überzeugten Identität, die von sich das Gegenteil behaupten.

Der Kirchenaustritt. Vor sechs Jahren schrieb mich der evangelisch weibliche Gemeindeführer an, warum ich denn aus der Evangelischen Kirche ausgetreten sei. Der wesentliche Grund in meinem Antwortschreiben:
Ich sehne mich nach dem Heiligen Geist.
Wie komme ich dazu derartiges auszudrücken? Zur Taufe trugen mich meine Eltern, zur Konfirmation die Geschenke und der Verzicht in allen weiteren Jahren auf die Existenz irgendeiner Kirche entsprang wahrscheinlich meinem Großmut. Aus welchem Grund sollte ich mich unter diesen Umständen nach dem Heiligen Geist sehnen? Aus Gehäßigkeit gegenüber den Protestanten, im Unwissen um das, was der Heilige Geist überhaupt ist?

Ja, gegen die aufkeimende Peinlichkeit über solche Äußerungen muß ich mich immer noch wehren. Nach dieser Aufzählung in Niederschrift fällt mir das allererste mal auf, was die inhaltliche Quersumme dieser Einzelbeispiele ist. In allen ist ein Bezug ausgedrückt, zum Nächsten (dem Weibe und genialen Denkern), zu sich selbst (zum Eigenen) und zum Hl. Geist. Wie ist das möglich!? Was ist hier geschehen?

Es ist Zeit zum Durchatmen - Um zu verstehen, was unter dem Dach eines wandelhaften Lebens vorgeht, scheint es unausweichlich die Karten offen auf den Tisch zu legen. Direkt neben die jahrelang ignorierte Hilfestellung aus der Zeit kurzer Beine. Wie Verirrung ins Bild gesetzt werden kann, das zeigt der Traum Himmel (5):

„Ich sehe wie ein großes Stück Himmel mit Wolken gestützt wird. Sehe aber nicht womit, nehme nur wahr, daß es drei oder vier Gründe gibt, die an den Eckbereichen stützen.
Es bedarf hoher Konzentration die Szenerie wahrzunehmen, sonst sackt alles zusammen.

Ich wache auf.

Dieser hoch verdichtete Warntraum wurde mir zuteil mitten in einer kirchenlosen, bezugslosen, gottlosen Zeit. Die komprimierte Kurzdeutung lautet: a) Er zeigt mit dem Finger auf sein Reich, sowie b) auf mein Wolkenkuckucksheim, was ich c) unter größter Anstrengung d) künstlich im Geiste ( heilig) aufrecht erhalte; es weist auf e) die beschränkte Eigenmacht und f) deren Fragilität. g) Die Wolke als willentlich vernebelnden Schleier vor dem h) sichtbaren Himmel.
Danke! Danke für diesen wundervollen Traum.

Die Zeit auf der Burg liegt schon seit langem in der Vergangenheit. Wie unmerklich die Normalität immer wieder neu den Bergabstieg in Verwicklungen kleidet, die Fortschritt und Aufstieg vorzugaukeln vermögen. Es bedarf dem Außergewöhnlichen, um diesen Zug in die Gosse oder Rinne wahrzunehmen. Da ist solch jemand!

Heiliger Thomas von Aquin, Du großer Gelehrter. Bruder Thomas! Ein Wort vom kleinen zum großen Bruder: Du hast Dein Talent zu höchster Kenntnis im Glauben vertieft und allen Deinen Glaubensbrüdern bis in die Gegenwart zugänglich gemacht. Nur ganz wenig habe ich über Dich gelesen und gehört und bin ganz begeistert von Dir. Es gibt jedoch etwas, das ich Dich unbedingt fragen muß. Mir erscheint in einem Deiner Aussagen eine Widersprüchlichkeit und dies ist eine große Überraschung für mich. Es mag sein, daß ich mich selbst täusche. Vielleicht komme ich noch dahinter, worin meine Selbsttäuschung beruht. Hilfst Du mir? Bitte lasse mich folgendes fragen. Uns Heutigen ist ein Dialog von Dir mit Jesus am Kreuz überliefert (6):

Während der Heilige am frühen Morgen in der Kapelle »San Nicola« in Neapel wie üblich im Gebet vor dem Gekreuzigten verharrte, wohnte der Sakristan der Kirche, Domenico von Caserta, einem Dialog bei. Thomas fragte besorgt, ob das, was er über die Geheimnisse des christlichen Glaubens geschrieben habe, richtig sei. Und der Gekreuzigte antwortete: »Thomas, du hast gut geschrieben über mich. Was willst du dafür?« Und Thomas gab die Antwort, die auch wir, Freunde und Jünger Jesu, ihm immer geben wollen: »Nur dich allein, Herr!«

Im Dezember 1273 teiltest Du, Bruder Thomas, Deinem guten Freund und Sekretär mit, daß alle Deine Arbeiten abzubrechen sind. Infolge einer übernatürlichen Offenbarung hast Du verstanden, daß alles, was Du bisher geschrieben hattest, nichts weiter als »ein Haufen Spreu« sei.
Ich fasse zusammen um den Widerspruch klar herauszustellen: Jesus Christus sagt Dir, gut über ihn geschrieben zu haben. Dennoch bezeichnest Du Dein gesamtes Schriftgut als Spreu, als Stroh.

Warum Heiliger Thomas tust Du das?
Warum solltest Du das tun?
Hat man Dir etwas in den Mund gelegt?
Hätte mich jemand vor zehn oder mehr Jahren nach der Bedeutung des Strohs gefragt, dann hätte ich möglicherweise folgendes geantwortet: Der Hl. Tomas war es leid nur zu Wiederkäuern zu sprechen und zu schreiben. Oder, alles Tun und Denken in dieser Welt dient als Strohbett, als Hängematte zum Ausruhen, zum Abstand bekommen vor den eigentlich wichtigen Fragen, Antworten und Dingen eines jeden einzelnen Lebens. Nun, heute distanziere ich mich von den Vermutungen vor zehn Jahren.
Denn, jeder Christusgläubige weiß, daß der Bezug zum Reinen, Sündenlosen, zu Jesus, dem Weg, der Wahrheit und dem Leben, für einen Menschen aus Fleisch und Blut eine lebenslange Aufgabe oder Annäherung ist. In allem Tun und Lassen. Und Du, Hl. Thomas, weißt das erst recht und bist bei Deinen Werken mit liebevoller Akribie vorgegangen. Mehr noch, Du hast geliebt, hast Herzen geöffnet und Du wurdest geliebt, hast Hoffnung gegeben (7). Ich kann nicht glauben, daß Du dies alles als Stroh abtust. Widerspricht es nicht Deiner eigenen Logik und dem, was Jesus Dir ins Herz gesprochen hat?
Ich vermute vielmehr, es ergeht Dir als bedeutende Persönlichkeit wie manch anderer in dieser Art: Viele sprechen über ihn, doch kaum einer mit ihm – Tanto fumo, poco arrosto! (8)
Lieber Heiliger Thomas, kann Dein Herz es verantworten, mir um dieses Geschehen eine Nachricht zukommen zu lassen? Bitte.

Von der trockenen Burg zum neuen Rinnsal, der Rinne, dem Graben oder der Senke - Fossanova. Von oben nach unten, runterkommen. Bodenkontakt bekommen, mit den Füßen auf dem Boden zu Stehen kommen. Von den Ideologien zur Wahrheit. Vom Größenwahn zum nackten Sein. Wie schwer es ist, nicht mehr sein zu wollen, als man ist.
Dir Heiligem Thomas von Aquin danke ich von ganzem Herzen, daß Du Dein Leben und Werken in rechter Weise hingegeben hast. Wenn ich das so sagen darf.

So unterschiedlich die Lebenswege gefügt sind, in einem der zahlreichen, alten und wundervollen Kirchenliedern sehe ich deren Gemeinsamkeit im Höchsten verdichtet (9):

Unser Wissen und Verstand
ist mit Finsternis verhüllet,
wo nicht Deines Geistes Hand
uns mit hellem Licht erfüllet;
Gutes denken, tun und dichten
musst Du selbst in uns verrichten.


Vergelt‘s Gott

May



(1) Begriffsverwendung von Mann/Weib analog zu männlich/weiblich.
(2) (Schlaf-) Traum Handreichung vom 29. Juli 2017.
(3) Kirchenzeitung für das Erzbistum Köln; Ausgabe 4/20, S. 15.
(4) Gang unter Alleebäumen vor ca. 15 Jahren.
(5) (Schlaf-) Traum Himmel vom 02. September 2011.
(6) Vortrag von Papst emeritus Benedikt XVI. über den Hl. Th. v. Aquin; Generalaudienz, Petersplatz am 02. Juni 2010; In Libreria Editrice Vaticana, 2010.
(7) Papst Franziskus; Frühmesse in Domus Sanctae Martae am 14. Februar 2020, „Über die erweiterte Familie“: „Heute wird es uns allen gut tun, an die Menschen zu denken, die uns auf dem Lebensweg begleitet haben, als Dankbarkeit, aber auch als Geste der Dankbarkeit gegenüber Gott. Danke, Herr, dass du uns nicht allein lässt. Es ist wahr, es gibt immer Probleme, und wo es Menschen gibt, gibt es Geschwätz. Sogar hier drin. Man betet und man schwätzt, beides. Und manchmal sündigt man auch gegen die Nächstenliebe“.
(8) Italienisch, in deutsch: Viel Stroh, wenig Korn!
(9) Liebster Jesu, wir sind hier; Text: Tobias Clausnitzer 1663; Melodie: Johann Rudolf Ahle 1664, Wolfgang Karl Briegel 1687; Gotteslob, Lied Nr. 149, Erzbistum Köln 2014.

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